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Südschweden

In »Småland« auf den Spuren »Astrid Lindgrens«

Wir sind bereits als Kinder mit den Geschichten von »Astrid Lindgren« aufgewaschen. Die kultigen Verfilmungen aus den 1970er Jahren von »Pippi Langstrumpf«, »Michel (schwedisch Emil) aus Lönneberga«, die »Kinder von Bullerbü« oder »Karlsson vom Dach« haben sich tief in unser Gedächtnis eingebrannt. Auch den eigenen Kindern haben wir die Bilderbücher einst vorgelesen. Nun ist es an der Zeit, die Heimat von Astrid Lindgren selber zu erkunden und einige Schauplätze mit eigenen Augen zu sehen. Es gibt einen Astrid-Lindgren-Radweg. Dieser führt vom Campingplatz aus zwischen glitzernden Seen, bezaubernden Wäldern, hügeligen Wiesen mit Steinmauern, roten Scheunen und grasenden Kühen und Pferden entlang. Wir radeln insgesamt über 80km durch die schwedische Bilderbuchidylle. Unser erster Stopp ist der Hof von »Katthult«. Dieses Anwesen war seit dem 19. Jahrhundert in Familienbesitz und wurde 1970 für die Dreharbeiten der »Michel aus Lönneberga« Filme ausgewählt. Fast alle Aufnahmen wurden hier gemacht: im Bauernhaus, der Knechthütte von Alfred, im Stall und im legendären Tischlerschuppen, in dem Michel eingesperrt wurde und Männchen schnitzte. Wir schlendern über die Wiesen und stellen fest, dass sich hier nichts verändert hat. Die Zeit scheint stehen geblieben zu sein. Der stahlblaue Himmel mit den weißen Wölkchen macht die Rundwanderung am Ort unseres geliebten „Micheeeeel!“ perfekt. Der nächste Stopp ist »Vimmerby«, der Heimatort von Astrid Lindgren. Wir besuchen das Geburtshaus und die Ausstellung über die Autorin. Im Garten steht eine Jahrhunderte alte Ulme, die als Vorbild für den »Limonadenbaum« diente. Astrid Lindgren ist eine inspirierende und faszinierende Person, die zeitlebens kritisch und unangepasst war und einen großen Gerechtigkeitssinn hatte. Ein Foto in der Ausstellung hat uns besonders berührt. Astrid Lindgren klettert als alte Frau auf einen Baum. Darunter steht sinngemäß: „…es steht nicht im Gesetz des Mose, dass alte Hexen nicht auf Bäume klettern dürfen…“.

»Naturcamping«

Inzwischen sind wir in der Hauptsaison angekommen und die Campingfahrzeuge werden täglich mehr. Wir sehen sehr viele deutsche Kennzeichen und wundern uns zunächst. Nach ein paar kurzen Gesprächen mit unseren Landsleuten wird uns klar, warum das so ist. Von Norddeutschland aus gibt es eine Reihe von Fährverbindungen nach Schweden und so ist dieses Land als Reiseziel so etwas wie »Istrien« für die Bayern. Die ausgewiesenen Campingplätze sind also bereits ziemlich voll, denn auch die Schweden lieben das »Caravaning«. Da und dort gibt es auch »Naturcampingplätze«. Die Stellplatzgebühren sind deutlich geringer, dafür gibt es meist nur ein Plumpsklo und eine kalte Dusche. Egal, Hauptsache ein wenig ruhiger. Wir stehen direkt an einem der vielen Seen und erkunden tagsüber die Landschaft mit dem Fahrrad.

Radtour um den »Åsnensee«

Nach unserer vorübergehenden Naturcampingerfahrung steuern wir wieder einen Campingplatz mit heißer Dusche, Waschmaschine, Strom und W-LAN an. Es ist viel los, aber wir finden ein halbwegs ruhiges Plätzchen. Der Platz liegt direkt am »Åsnen-See«, der mit seinen über 100 Inseln auch das »blaue Paradies Smålands« genannt wird. Es ist ein Eldorado für Angler, Paddler und Badegäste. Insgesamt, so lesen wir, soll es mit den vielen Inseln und Buchten 700km Strand und eine 120km lange Kanustrecke geben. Wir entschließen uns für eine ca. 70km lange, ausgewiesene Radtour rund um einen Teil des Seengebiets. Es ist ein wahres Naturparadies und wir bewegen uns an einem sonnigen Tag leicht wie die Federn durch lichtdurchflutete Mischwälder und am Strand entlang. Im Wasser liegen, wie von Riesen einst hineingeworfen, überall große Findlinge. Links und rechts des Weges tauchen in regelmäßigen Abständen die typischen rostroten Schwedenhäuser auf. Mit ihren sauberen weißen Einfassungen und den gepflegten Gärten haben sie etwas Bilderbuchartiges. Mit ein wenig Glück kann man auch einen der »Åsnen Big Five« erspähen: den Fischadler, den Prachttaucher, den Seeadler, den Kranich oder den König des Waldes, den mächtigen Elch. Wir sehen ein Kranichpärchen und viele Wasservögel, der Elch hat sich leider noch versteckt. Bei einem kurzen Kaffee-Stopp sehen wir ein Schild mit der Aufschrift: »Ströbergs-Lanthandel«. Ein klassischer Kramerladen – und evtl. eine Geschäftsidee für die Zukunft.

»Weites Land« an der Südküste Schwedens

Von diesem beeindruckend großen Seengebiet fahren wir weiter Richtung Süden an die Küste. Hier ändert sich blitzartig die Landschaft. Weite! Kornfelder! Offenes Land! Erst bei diesem Anblick wird uns klar, dass wir die letzten beiden Monate überwiegend im Wald verbracht haben. Alles hat seinen Reiz, doch nun genießen wir wieder den Blick in die Weite und den Duft der Felder uns Wiesen. Herrlich!

»Simrishamn« und »Ystad«

Ganz an Schwedens Südostzipfel liegt das bezaubernde Städtchen »Simrishamn«. Hier machen wir einen kurzen Stopp, schlendern über gepflasterte Gassen und vorbei an pastellfarbenen Häusern. Es herrscht eine sommerlich entspannte Stimmung. Die Leute bummeln in den Einkaufsstraßen oder sitzen in den Vorgärten der Restaurants. Wir gönnen uns Kaffee und Kuchen und plaudern ein wenig mit einem Heavy Metal Fan, der neben uns sitzt. Sein T-Shirt zeigt an, dass er in diesem Jahr Tickets für das berüchtigte Festival in »Wacken« hat. NEID, GRHHH! Später finden wir am Hafen noch einen Friseurladen. Martin nimmt das Angebot gerne an.

Wer die »Wallander Krimis« von »Henning Mankell« kennt, dem sollte die Stadt »Ystad« ein Begriff sein. Hier hat der Kommissar seine vertrackten Fälle gelöst. Die Plätze, Straßen und Restaurants, die in den Büchern erwähnt werden, existieren auch in der Realität und so wurde die Stadt zu Beginn der 1990er Jahre ein beliebter Pilgerort für eingefleischte Fans. Auch die Verfilmungen haben zur Popularität beigetragen. Wir finden allerdings ein verschlafenes Kleinstädtchen vor. Keine Hektik, kein Stress. Gassen mit Kopfsteinpflaster, Fachwerkhäuser und eine sehr beschauliche Innenstadt mit Bars, Restaurants und Cafés. Das passt so gar nicht zu Mord und Totschlag in den Romanen.

»Ale Stenar«

Etwa 20km von Ystad entfernt, in der Nähe des Örtchens »Kåseberga«, liegt eine besondere Sehenswürdigkeit: »Ale Stenar«. Es ist ein 67 Meter langes und 19 Meter breites Oval aus 56 Steinen, eine sogenannte »Schiffssetzung«. Das Gebilde mit bis zu 1,8 Tonnen schweren Steinen erinnert auf den ersten Blick unweigerlich an das bekannte »Stonehenge« in England. Über eine genauere Bedeutung dieses Monuments aus dem ersten Jahrtausend nach Christus ist sich die Fachwelt allerdings uneinig. Eine Grabanlage? Ein Sonnenkalender? Kultstätte? Wir werden es wohl nie erfahren. Beeindruckend ist es auf jeden Fall und die Lage auf einem Hügel bietet einen phantastischen Blick auf Meer und Umgebung.

»Lund«

Unsere letzte Station in Schweden ist die Studentenstadt und das kulturelle Zentrum des Südens »Lund«. Wir parken am Stadtrand und fahren mit dem Rad in die Innenstadt. Es erwarten uns alte Backsteinfassaden, eine gemütliche Fußgängerzone und zahlreiche Cafés. Wir besuchen den Dom mit der mittelalterlichen Krypta und lauschen ein wenig der Chorprobe eines ca. 70-köpfigen Schülerchores aus Deutschland. Auch die altehrwürdige Universität bietet einen prächtigen Anblick. Auf der Straße spielt ein 10-Jähriger virtuos auf einem Altsaxophon Jazzklassiker. Ein großes Talent, das steht sofort fest. Er bekommt von uns einige Kronen als Nachwuchsförderung. Ehrensache! Schließlich geht es über die »Øresundbrücke« in das 16. und letzte Land unserer Sabbatjahr-Reise nach Dänemark. Hejdå Sverige!

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Kommentare: 1
  • #1

    Barbara Hartl (Montag, 18 Juli 2022 18:51)

    Hallo ihr zwei Weltenbummler,

    es ist einfach immer wieder schön eure Reiseberichte zu lesen. Tolle Bilder, beeindruckende Landschaften,.... machen Lust es euch gleichzutun.
    Wünsche euch noch schöne Tage in Dänemark.
    LG
    Barbara