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Über die Masuren nach Litauen

Kajakfahrt auf der »Krutynia«

Wir finden einen ausgesprochen schönen Stellplatz mit Feuerstelle direkt am Fluss »Krutynia«. Der Familienbetrieb bietet, wie viele andere Betriebe hier, in der warmen Jahreszeit Kajaktouren an. Die Route gilt mit über 90km über Seen und Flussabschnitte als schönste Paddelstrecke Polens. Startpunkt ist direkt auf dem eigenen Gelände. Da überlegen wir nicht lange. Die dreistündige Tour mit einem blitzblauen Kajak ist ein absolutes Highlight auf unserer bisherigen Reise durch Polen. Das Wetter ist ein wenig wechselhaft: Sonne, Wolken und zwischendurch ein paar kurze Schauer. Das scheint auch der Grund zu sein, warum wir völlig alleine auf dem Fluss unterwegs sind. Ach wie herrlich! Wir bewundern die Lichtspiegelungen auf dem Fluss, die Wasservögel und die unberührte Natur. Einen kurzen Zwischenfall gibt es allerdings: ein Schwan-Männchen möchte seine Jungtiere beschützen und sieht in uns eine Bedrohung. Er hält direkt auf uns zu, plustert sich auf, umkreist das Boot wieder und wieder in sehr engem Abstand und wir sind froh, als er nach etlichen hundert Metern endlich abdreht. Am Ausstiegshafen rufen wir wie vereinbart unseren Gastwirt an und er holt uns wieder ab. Absolut empfehlenswert!

»Marta und Monika«

Die Wetterapp verheißt auch für den kommenden Tag nichts Gutes: Immer wieder Regenschauer und nur seltene Wolkenlücken. So entschließen wir uns zum Besuch eines Wildparks, den wir bequem mit dem Fahrrad erreichen. Ein guter Ort für einen verregneten Tag, denken wir. Wir kaufen Tickets und erfahren, dass man nur in einer Gruppe mit einem Guide in den Park hineinkommt. Auch gut. Wir warten also eine halbe Stunde und schließen uns dann einer ca. 20-köpfigen Gruppe an. Der Guide ist ein wettergegerbter, gut genährter polnischer Wildführer, der leidenschaftlich in seiner Landessprache loslegt. Prima! Wir verstehen gar nichts. Nach einer Weile entschließen wir uns, zwei junge Frauen anzusprechen, ob sie vielleicht Englisch sprechen und uns ein paar Details übersetzen könnten. Aber natürlich. Die beiden heißen Marta und Monika, wie wir später erfahren. Um es kurz zu machen: wir verstehen uns auf Anhieb sehr gut mit den beiden und die dreistündige Führung durch den Park vergeht wie im Flug. Wir füttern unterwegs Hirsche, machen ein paar Fotos und der Dauerregen stört uns kaum. Marta fragt schließlich, ob wir am kommenden Tag Zeit und Lust hätten, mit ihnen frühstücken zu gehen und ein wenig zu plaudern. Selbstverständlich. Wir haben ja keine Termine und nehmen das Angebot gerne an. Wir finden tags darauf das schmucke Lokal auf Anhieb und verbringen zwei Stunden bei einem ausgedehnten Frühstück mit den beiden. Wir tauschen uns angeregt aus und erfahren einiges: Marta ist Designerin, dreht Werbefilme, kann hervorragend zeichnen und hat einige Jahre in Island gelebt. Monika ist eine preisgekrönte Streetfood-Köchin, die aktuell in einem Danziger Restaurant als Chefköchin arbeitet. Wir tauschen Nummern aus und laden die beiden ein, uns einmal zu besuchen. Wer weiß, vielleicht sieht man sich wieder?

Ist er es?

Noch eine witzige Anekdote zum Schluss. Während unseres dreiwöchigen Aufenthaltes in Polen haben wir immer wieder mal bemerkt, dass die Leute in unsere Richtung schauen und miteinander tuscheln. Was ist da los? Marta und Monika lüften das Geheimnis. Ich (Martin) sehe scheinbar einem bekannten polnischen Schauspieler sehr ähnlich. Der Schauspieler heißt »Jacek Braciak« und wer möchte, kann gerne googlen, ob an der Geschichte was dran ist. Wir haben auf jeden Fall viel gelacht…

»Kaunas«

Es ist immer etwas Besonderes, wenn wir eine Ländergrenze in ein uns noch unbekanntes Land überschreiten. Litauen wir kommen! Hier herrscht eine andere Zeitzone und die Sonne geht um diese Jahreszeit erst um 22:30Uhr unter. Zunächst geht es in die zweitgrößte Stadt des Landes »Kaunas«. Der Stellplatz ist schön an einem Badesee gelegen und nur ein paar Kilometer vom Zentrum entfernt. Das passt perfekt für eine kleine Radtour. Wir erreichen die Altstadt und durchstreifen dann die Straßen und Gassen zu Fuß. Aus einer Kirche dringt Gesang und wir werfen einen Blick hinein. Eine Rhythmusgruppe singt religiöse Lieder und wir lauschen ein wenig den Melodien. Die legendäre Hauptstraße mit den vielen Bars und Cafés finden wir leider als große Baustelle vor. Hier wird großräumig renoviert, denn Kaunas ist schließlich in diesem Jahr »Europäische Kulturhauptstadt« und da soll alles in neuem Glanz erstrahlen. Die vielen Street-Art Gemälde an den Hauswänden geben der Stadt ein jugendliches Flair und an der ausgedehnten Uferpromenade zwischen den Flüssen »Memel« und »Neris« herrscht reges Treiben. Hier lässt es sich gut aushalten.

Freilichtmuseum »Rumšiškės« im Dauerregen

Es bleibt regnerisch. Da kommt das litauische Freilichtmuseum in »Rumšiškės« gerade recht. Es ist mit insgesamt 14 Hektar eines der größten in Europa und eine echte Touristenattraktion in der Region Kaunas. Wir haben das Gelände mehr oder weniger für uns alleine. Vier Stunden wandern wir mit unseren Regenjacken und Schirmen umher und sehen uns die Bauernhäuser, die landwirtschaftlichen Gebäude und Gerätschaften aus dem späten 19. Jahrhundert gerne an. Das harte Leben damals unterscheidet sich im Grunde kaum von dem der Bauern in unserer Heimat. Dort und da treffen wir auf dem weiten Gelände litauische Frauen in traditionellen Gewändern, die gerne Auskunft geben. In einem der Dörfer gibt es eine Einkehrmöglichkeit, die wir gerne nutzen, um uns ein wenig aufzuwärmen. Die Pfannküchlein mit Heidelbeersoße schmecken vorzüglich. Wir teilen uns den Raum mit einer vielköpfigen Kindergartengruppe. Die Kinder bekommen alle ein Vanilleeis und schlecken es genüsslich. Ach wie süß!

»Vilnius«

Wir erreichen die Landeshauptstadt Litauens »Vilnius«. Schon bei der Anreise wundern wir uns, dass es eigentlich keinen ausgewiesenen Campingplatz gibt. Sehr unüblich. Wir entscheiden uns für einen Parkplatz bei einem Hostel direkt im Stadtzentrum. Dort kann man auch die Gemeinschaftsräume und Sanitäranlagen nutzen. Es ist nicht schön dort, aber irgendwie auch kultig. Auf dem Gelände mit Bars und Grillplätzen trifft sich halb Europa und wir kommen schnell mit den unterschiedlichsten Leuten in Kontakt. Tobias, ein Musiker aus Dänemark lebt seit einigen Jahren in der Stadt und kann uns ein paar Tipps geben. Oliver stammt aus Yorkshire und lebt auch dauerhaft hier. Bill kommt aus Detroit/USA und Luis aus Frankfurt am Main ist mit dem Fahrrad quer durch Europa unterwegs. Direkt neben uns steht der rote Zwillingsbruder unseres VW Busses und wird von einem jungen Pärchen aus Hamburg bewohnt. Ein paar Meter weiter hat sich ein Ehepaar aus Ebersberg häuslich eingerichtet. Wir tauschen Reiseerlebnisse aus oder plaudern einfach ein wenig bei einem Bierchen. Unser erstes Ziel am Rande der Altstadt ist das Viertel »unabhängige Republik Užupis«. Einige Bewohner riefen vor Jahren als Kunstaktion die Unabhängigkeit von Užupis aus und das Viertel verfügt über eine eigene Verfassung, eine Flagge und einen Präsidenten. Vor der litauischen Unabhängigkeitserklärung 1990 war der Stadtteil heruntergekommen und viele Häuser hatten weder Strom noch sanitäre Anlagen. Heute ist aus dem Viertel ein begehrtes Quartier für Künstler und die Bohème geworden. Hier reihen sich Kunstgalerien, Werkstätten, Bars und Cafés aneinander. Das zieht uns natürlich magnetisch an. Wir lesen mit Interesse die Verfassung und stimmen gerne nickend zu. Hier ein kleiner Auszug: Art. 3) Jeder Mensch hat das Recht zu sterben, ist allerdings nicht dazu verpflichtet! Art. 8) Jeder Mensch hat das Recht weder berühmt noch bekannt zu sein! Art. 12) Ein Hund hat das Recht, Hund zu sein! Art. 14) Jeder Mensch hat das Recht, manchmal nicht zu wissen, ob er Verpflichtungen hat. usw. usw. Abschließend dazu ein Zitat, das es auf den Punkt bringt: »Glück ist ein Leben mit einem gewissen Grad an Verrücktheit!« Amen! Es ist ein sonniger Tag und wir stromern zu Fuß kreuz und quer durch die Downtown. Wir besichtigen Kirchen, das Rathaus, die Universität schlendern durch den Park und genießen die Aussicht auf dem Burghügel. Vilnius macht gute Laune und ein Besuch bei Barber Rossa war auch noch dabei...

Am Mittelpunkt Europas

Wer hätte das gedacht: der Mittelpunkt des europäischen Kontinents liegt in Litauen, ganz in der Nähe von Vilnius. Direkt in dieser Gegend befindet sich auch der »Europos Parkas«, ein Skulpturenpark der Konzept- und Installationskunst. Auf dem 50 Hektar großen Gelände befinden sich über 90 Exponate verschiedener einheimischer und internationaler Künstler/innen. Wir durchstreifen die Waldwege und lassen die verschiedenen Kunstwerke auf uns wirken. Als kleine kreative Aufgabe geben wir den Gebilden aus Holz, Stein oder Metall unsere eigenen Titel, bevor wir auf den Schautafeln nachlesen.

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Kommentare: 1
  • #1

    Karin (Sonntag, 12 Juni 2022 15:59)

    Danke für die schönen Bilder und Infos ��