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»Bella Napoli«

Fünf Tage Neapel

Nach einer Woche in ländlicher, süditalienischer Idylle steht ein weiteres Ziel an: Neapel! Es wird ein Städtetrip der ganz besonderen Art, denn wir dürfen in einer Wohnung im sechsten Stock mitten im historischen Zentrum der Metropole wohnen. Silvia ist hier aufgewachsen und kennt die Stadt und ihre Eigenheiten wie ihre Westentasche. Dadurch lernen wir Einheimische kennen und bekommen Sachen gezeigt, die uns als gewöhnliche Touristen sonst wohl verborgen geblieben wären. Neapel ist hungrig, laut und hat ein immenses Tempo. Alles erinnert ein wenig an Südamerika. In der Stadt mit dem Auto unterwegs zu sein ist sicherlich kein Vergnügen. Auch als Fußgänger musst du immer auf der Hut sein. Besonders die unzähligen Motorroller fahren teilweise als gäbe es kein Morgen. Eine grüne Ampel bedeutet nicht unbedingt, dass du einfach gehen kannst. Wer auf gemächliche Stadtbummel steht, ist hier definitiv am falschen Ort. Keine andere Stadt die wir bisher kennengelernt haben ist derart energiegeladen und hat so eine faszinierende Aura. Hier pulsiert das Leben und man kann sich diesem Zauber kaum entziehen.

Einkaufen – Mainstream good bye

Was uns ganz besonders gut gefällt sind die vielen kleinen Läden im historischen Zentrum. Die bekannten Namen der üblichen Einkaufsketten, Fashion Stores und Supermärkte sucht man hier vergebens. Kein »Starbucks, kein »Subway«, kein »KFC«. Stattdessen ist alles viel kleinteiliger, individueller und vor allem origineller angelegt: Heimelige, etwas aus der Zeit gefallene Bücherläden, winzige Cafés und Bars mit ein paar improvisierten Tischen, Instrumentenbauer, Musik- und Plattenläden, Eisenwarenhändler mit speziellem Sortiment für den häuslichen Bedarf, Kunsthandwerker in ihren Werkstätten, Künstler in ihren Ateliers, Buchbinder, kleine Metzgereien und Lebensmittelläden, Haushaltswaren auf engstem Raum, Obst-, Fisch-, Gemüse- und Souvenierhändler… Alles hat seinen Platz hier.

»Il Presepe – die Krippe«

In vielen bayerischen Haushalten findet sich heute noch ein »Kripperl« zur Weihnachtszeit. Wir staunen nicht schlecht, als wir sehen, was die Neapolitaner aus dieser Tradition gemacht haben. Die neapolitanische Krippe »il presepe« zeigt das Leben des neapolitanischen Volks im 18. Jahrhundert. Im Mittelpunkt stehen nicht die religiösen Figuren, sondern Fisch- und Obsthändler, Kastanienverkäufer, Pizzabäcker mit flackernden Pizzaöfen, Metzger und Bäcker. Es wird gekocht, auf dem Markt gehandelt und gegessen. Mittendrin in diesem quirligen Leben reiten die Heiligen Drei Könige zur Krippe. In der »Via San Gregorio Armeno«, der Krippenstraße, wird das ganze Jahr über alles rund um die Presepe (Krippe) verkauft. Von handgefertigten Kunstschätzen bis zu billigen Plastikfiguren. Man kann den Handwerksmeistern beim Schnitzen der wertvollen Figuren, Tiere und aller nur denkbaren Gegenstände über die Schulter schauen. Auch die Preisspanne ist nach oben offen. Der Stall von Bethlehem, das Zentrum jeder Krippe, wird meist durch ein neapolitanisches Haus in schäbigem Zustand dargestellt. Mit offenem Mund spazieren wir durch die Reihen von Geschäften und Ständen und können uns gar nicht satt sehen. Alles eingehüllt in den Duft von Weihrauch und gebrannten Mandeln. Neben den klassischen Krippenfiguren, der Heiligen Familie, den Hirten etc. gibt es auch Nachbildungen von Politikern, Fußballspielern und sogar dem Papst. Ob Berlusconi oder der Fußballheld Maradona, hier ist die Prominenz versammelt. Auch Angela Merkel wurde bereits als Krippenfigur verewigt.  Die Figuren Prominenter werden allerdings nicht in die Weihnachtskrippe gestellt. Sie sind Karikaturen und witzige Mitbringsel. Mit der eigentlichen Krippentradition haben sie nichts zu tun. Neben Krippenfiguren gibt es auch allerlei mehr oder weniger touristische Souvenirs. Der Übergang von tiefer christlicher Frömmigkeit hin zum Aberglauben und Kitsch ist fließend. Hier wird alles kombiniert. Hauptsache schön bunt. Überall findet man auch das »Cornetto« (rotes Horn), den typischen Glücksbringer aus Neapel. Übrigens: Wer findet Sabbato?

Sehenswürdigkeiten

Wir fahren mit der Zahnradbahn auf den Stadtberg und besuchen das Kloster »San Martino«. Dort ist es wesentlich ruhiger als im historischen Zentrum. Die große Klosteranlage ist heute ein Museum und wir bestaunen die neapolitanischen Ausstellungstücke, Skulpturen, Gemälde und die historischen »Presepi«. Überdies hat man von oben einen herrlichen Blick auf die Stadt.

Ein weiterer Ausflug führt uns in Neapels Unterwelt: »Napoli Sotterranea«. Auf einer stimmungsvollen, eineinhalbstündigen Tour durch teilweise sehr enge Gänge, Aquädukte und Zisternen, 40 Meter unter der Erde, erfahren wir Interessantes aus mehreren Epochen. Die Griechen haben einst Kalktuffstein als Baumaterial gewonnen. Die Römer erweiterten das unterirdische Netz als Kanal- und Zisternensystem. Im zweiten Weltkrieg diente das Labyrinth als Luftschutzbunker für die Bevölkerung Neapels.

Schließlich gönnen wir uns noch eine Führung durch das einstmals größte Opernhaus Italiens: »Teatro di san Carlo«.

 

Bunny »RIP«

In Süditalien ist es üblich, für die Verstorbenen ein etwa DIN A3 großes Plakat mit einer Widmung an die Wohnung, Plakatwände der Umgebung und an Friedhöfen aufzuhängen. So können es die Passanten gut lesen und Anteil nehmen. In Neapel haben wir eine Variante dieses Brauches gesehen, die es bei uns wohl kaum zu sehen gibt. Ein Plakat für den verstorbenen Hasen »Bunny«. Sinngemäß übersetzt heißt es darauf:

In Erinnerung an Bunny (sieben Monate alt), aus dem Viertel St. Lorenzo/Napoli, bestattet am Tierfriedhof „Snoopy“. Wir trauern um dich, du warst ein Schmuser und Kuschler mit einer großen Seele. Dein Dahinscheiden hinterlässt einen großen Schmerz. Viele Küsse an Puffy (Anmerkung der Redaktion: verstorbene Katze) … lauft voller Freude. RIP BUNNY! Lasst die Tiere nicht im Stich. Sie sind ein Geschenk des Herrn!

»Diego, der Göttliche«

Bruno, der Besitzer des Cafés »Bar Nilo«, direkt im Zentrum von Neapel und nur ein paar Minuten von unserer Wohnung entfernt, hat eine Attraktion der ganz besonderen Art: ein Schrein für sein großes Idol, den Fußballstar »Diego Armando Maradona«. Maradona wird hier in der Stadt wie ein Heiliger verehrt und sein Konterfei ist allgegenwärtig. Bruno konnte vor vielen Jahren eine Haarsträhne des unvergleichlichen Ausnahmespielers ergattern. Nach seiner Auskunft ereignete es sich auf einem Flug von Milano nach Neapel zusammen mit der Fußballmannschaft Neapels. Die genaueren Umstände bleiben im Dunkeln. Egal. Inzwischen ist dieses »Heiligtum« bereits in einigen Reiseführern aufgelistet und das Interesse daran entsprechend groß. Die Haarsträhne befindet sich im durchsichtigen Würfel in der Mitte.

»Streetart«

Jeden Tag finden wir neue Kunstwerke an den Wänden der alten Gemäuer. Es gibt eine sehr lebendige Street-Art Szene und viele Künstler hinterlassen auf diese Weise ihre Spuren. Weiter so!

»Lotto«

Wir erfahren, dass das Glücksspiel »Lotto« in Italien allgemein und in Neapel im Besonderen von hoher Bedeutung ist. Besonders die armen Leute erhoffen sich dadurch den großen Treffer und das Ende aller finanzieller Sorgen. Damit es auch klappt, wird nichts dem Zufall überlassen. In einem eigenen Traumlexikon, dem sogenannten »Smorfia«, findet man zu Traumsymbolen genau festgelegte Lottozahlen. Hier ein Beispiel: Träumt man vom guten Wein, dann entspricht das der Zahl 45. Träumt man von der nackten Frau, dann entspricht das der Zahl 21. Das klingt verlockend. Wir versuchen uns an die Träume der letzten Tage zu erinnern und versuchen dann, die entsprechenden Zahlen im Lexikon zu finden. Mal sehen, vielleicht sind wir ja bald Millionäre.

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Kommentare: 2
  • #1

    Karin (Sonntag, 28 November 2021 14:31)

    Wunderbar wieder ein toller Bericht.��

  • #2

    Sieglinde (Sonntag, 28 November 2021 18:12)

    Man kann direkt das pulsierende Leben dieser Stadt in euren Beschreibungen spüren. Wunderschöner Bericht, macht Lust zum Hinfahren!